Überlieferung und Glaubensnorm: Die Heilige Schrift ist kein „vom Himmel gefallenes“ Buch

Oder: Wie können wir das Neue Testament und seine Gültigkeit als Glaubensnorm verstehen?

Sola Scriptura? Gilt nur die (Heilige) Schrift? Oder die „Überlieferung“? – Spätestens seit der Reformation gibt es Streit darüber, wie die Bibel zu verstehen ist. Wie ist das Neue Testament überhaupt entstanden? Dazu eine gründliche und zugleich aufschlussreiche Darlegung des Theologen Karl-Heinz Ohling in seinem Buch „Die theologische Begründung des neutestamentlichen Kanons in der alten Kirche“:

„Heilige Schrift“ im vollen Sinn war für das Urchristentum und den größten Teil des 2. Jahrhunderts nur das Alte Testament. … (Es wurde) als göttliche Autorität  – meist in der Septuaginta-Version – zitiert und zum Erweis der christlichen Verkündigung herangezogen.

Dennoch war das Alte Testament nicht alleinige Norm: Neben oder, besser, unvergleichbar über dem Alten Testament stand die alles bestimmende Autorität des Kyrios (Herr). Er stand im Mittelpunkt der Verkündigung, und er selbst war erstes Auslegeprinzip auch des Alten Testaments – nur deswegen wurde es zitiert, weil es auf Christus hinzielte und ihn prophetisch verkündete.

So gab es von Anfang an neben oder über dem Alten Testament eine zweite (richtiger: die) Glaubensnorm, den auferstandenen Herrn. Dieser Kyrios begegnete der Gemeinde, außer im Alten Testament, vor allem in der apostolischen Verkündigung und Überlieferung. Man konnte nicht nur ‚von diesem Herrn‘ oder ,über‘ ihn in der Paradosis (Überlieferung) etwas hören, sondern er selbst trat in ihr ,Gehorsam fordernd‘ vor die Gemeinde.

Eine ähnliche Autorität konnten so schon in neutestamentlicher Zeit die Männer für sich beanspruchen, die in seinem Auftrag redeten: die Apostel und „später die Lehrer der Apostelzeit”.  Ihr Wort und das Wort Jesu bildeten den Inhalt der christlichen Verkündigung, womit grundsätzlich schon die spätere Zweiteilung des neutestamentlichen Kerygmas (in Evangelien und Apostelteil) gegeben ist. Dennoch war verbindlich das Gesamt der neutestamentlichen Überlieferung, das Evangelium, bevor eine Differenzierung innerhalb dieses Ganzen realisiert wurde. So ist die apostolische Überlieferung nicht Menschenwerk, wie die jüdisch-rabbinische Tradition, sondern etwas von dieser ganz Verschiedenes: „Über die apostolische Paradosis wacht der Kyrios.“

Die kanonische apostolische Paradosis wurde zunächst ausschließlich mündlich weitergegeben, erst mit der Zeit kam es zu einer immer umgreifenderen schriftlichen Fixierung. …

Notwendig griff man in der Kirche mit fortschreitender Zeit immer mehr auf diese Schriften zurück, weil sie besser greifbar und sicherer waren als die mündliche Überlieferung; mit dem natürlichen Gewicht ihrer Fixiertheit mussten sie nun sogar anfangen, ihrerseits die mündliche Paradosis zu prägen, bis mit größerem Abstand zur apostolischen Zeit das Schrifttum, das in jener Zeit entstanden war, ganz an die Stelle der ursprünglich nur mündlichen Überlieferung getreten ist. Mehr und mehr mussten der Kirche eigenständige Überlieferungen außerhalb und neben diesem Schrifttum als ungenau, unkontrollierbar und damit suspekt erscheinen.

Die so entstandenen Bücher wurden zunächst in keiner Weise als ,heilige Schrift‘ aufgefasst, sondern durch sie sprach der noch zeitgenössische Verfasser oder der noch geschichtlich nahe Herr. 

Sie waren kanonisch-normativ, aber nur als viva vox (lebendige Anrede) Jesu oder der Apostel: Noch lange wurden in der nachapostolischen Literatur Herren- oder Apostelworte zitiert entweder ohne jede Einleitung oder mit der Wendung: ,Der Herr (bzw. Apostel) sagte…‘ – Noch Hegesipp nennt um 180 als Autorität das Gesetz, die Propheten und den Herrn – nicht also: Altes Testament und Evangelium oder apostolische Schriften, sondern: das Alte Testament und der Herr, der gleichsam als Lebendiger noch (aus den Texten) spricht. 

Vorher aber schon, um die Mitte des 2. Jahrhunderts, setzt eine neue Entwicklung ein: Mit dem Tod von Männern, die noch mit Aposteln oder Apostelschülern Kontakt hatten, mussten die urkirchlichen Schriften nicht nur Fixpunkte der kirchlichen Verkündigung werden, sondern auch mehr und mehr als Schrift aufgefasst werden. Dazu trug wesentlich bei ihre Parallelisierung mit alttestamentlichen Schriften, vor allem im gottesdienstlichen Gebrauch. Ihr Charakter gerade als schriftliche Zeugen der apostolischen Tradition wurde erkannt, das Bewusstsein setzte sich durch, dass man es mit ,Schrift‘ zu tun bekam, wenn man sich mit der apostolischen Überlieferung (bzw. ihren zuverlässigsten Stücken) beschäftigte. Die ersten Anzeichen dieser neuen Auffassung sind die Einleitungen zu neutestamentlichen Schriftzitaten. Hieß es bisher: ,Der Herr sprach‘, so gebrauchte man jetzt die auch für alttesamentliche Zitate gebräuchlichen Formeln.

Man stellte nur fest, dass die schon immer kanonischen Worte Jesu und der ,Apostel‘ mit größerer zeitlicher Distanz nur noch schriftlich vorlagen. … Das Einzige, was sich etwa um die Mitte des 2. Jahrhunderts zu ändern begann, war die mehr oder weniger reflexe Erkenntnis, dass solche Überlieferung nunmehr im wesentlichen nur noch schriftlich vorlag, womit die dadurch gegebene Kanonizität dieser Schriften mit der Zeit notwendig auch auf ihren Wortlaut übergehen musste. Es trat also jetzt nicht ein neuer Kanon, eine neue Norm neben oder über das normative Alte Testament, sondern die schon mit den Glauben an den Kyrios gegebene Autorität parallelisierte sich – geschichtlich notwendig – in ihrer formalen Gegebenheit der seit Jahrhunderten schon schriftlichen alttestamentlichen Überlieferung.

Der neutestamentliche Kanon war von Anfang an da, als ,Schrift‘ wurde er erst später erkannt. So entwickelte sich die immer schon dem Alten Testament übergeordnete und es in seiner Geltung begründende Autorität des Kyrios und, von ihr abgeleitet, seiner Apostel zu einer neuen Schriftautorität (nicht: zu einer Schriftautorität), bis sie bei Tertullian auch systematisch neben das Alte Testament gestellt wurde: Er spricht von den Schriften des Alten und Neuen Testaments.

Dieser Vorgang ist in der alten Kirche sehr oft ausdrücklich reflektiert und formuliert worden – es handelt sich hier nicht um eine nachträgliche Interpretation ,- überall dort, wo davon die Rede ist, dass die Apostel zuerst gepredigt, dann aber ihre Predigt schriftlich festgehalten haben. Ein neuer Kanon war also mit Christus gegeben, seine Worte und die der Apostel mussten mit der Zeit einen neuen Schriftkanon bilden, der neben (über) das Alte Testament trat. Und ebenso notwendig musste dieser Schriftenkomplex die vorgegebene Zweiteilung aufweisen: Evangelium (Kyrios) und Apostolos, „weil die neue Norm sowohl den Kyrios wie die Apostel zum Reden bringen musste“.

Schon bevor die Kirche die schriftlich fixierten Stücke der lebendigen Tradition als solche erkannt hatte, hatte sie – noch unreflektiert – begonnen, eine Reihe von Schriften zu Sammlungen zusammenzufassen – ein Zeichen, dass schon damals diese Schriften als (zumindest) besonders greifbare ,Stücke der Paradosis große Verehrung genossen.

Als erste wurden die Paulus-Briefe gesammelt, in Anfängen wohl schon zu seinen Lebzeiten, sicher zu Beginn des 2. Jahrhunderts. Obwohl als erste die vier Evangelien kanonische Geltung erlangten, wurden sie erst später, nicht vor der Mitte des 2. Jahrhunderts, zu einer Sammlung vereinigt: Die kirchlichen Schriftsteller zitierten bis gegen Ende des 2. Jahrhunderts nie aus einem bestimmten Evangelium; besonders bei Zitaten aus den Synoptikern läßt sich nur schwer feststellen, welches Evangelium dem Text zugrunde liegt. Dies hat seinen Grund natürlich auch in der Ähnlichkeit der synoptischen Sprache und in der Zitation aus dem Gedächtnis.

Mit diesen Entwicklungen: von der Kanonizität der viva traditio (der lebendigen Überlieferung) zur Kanonizität der schriftlich fixierten traditio, von der unreflexen Handhabung der Schriften als viva traditio zur reflexeren Erkenntnis ihres Schriftcharakters und der allmählichen Ausbildung von Schriftensammlungen war grundsätzlich die Bildung eines neutestamentlichen Kanons gegeben.

Wesentliche Teile des heutigen neutestamentlichen Schriftkanons sind schon von Anfang an (zunächst als Stücke der apostolischen Überlieferung) in hohem Ansehen; bis gegen Ende des 2. Jahrhunderts haben sich der Vierevangelienkanon und ein fester Bestand an Apostelschriften, wozu vor allem die Paulusbriefe gehörten, herausgebildet. Bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts dauert die nun beginnende Auseinandersetzung um die Rezeption der sogenannten Antilegomena, der (noch) umstrittenen Schriften.

Hand in Hand mit der Bildung des neutestamentlichen Kanons erfolgte die Ausscheidung einer Reihe von anderen oft hochgeschätzten Schriften. Abgeschlossen wurde, wenigstens im großen und ganzen, die Kanonentwicklung durch kirchenamtliche Äußerungen.

Eine Interpretation des Gangs der Kanongeschichte macht deutlich, dass es um die Mitte des 2. Jahrhunderts und in der Folgezeit nicht darum ging, neben dem alttestamentlichen Kanon neue Kanonizität zu schaffen. Diese Kanonizität war von allem Anfang an da: die Normativität des Kyrios,

Erst im 2. Jahrhundert wurde der Kirche allmählich bewusst, dass man es im Umgang mit apostolischer Tradition mehr und mehr mit ,Schriften‘ – zunächst einmal rein literarisch verstanden – zu tun hatte.

Diese Bücher wurden im Gottesdienst neben dem Alten Testament verlesen; im Abwehrkampf gegen kirchliche Gruppen, die sich auf eigene Traditionen und Schriften und sogar einen eigenen Kanon (Markion) beriefen, wurde gerade der Rekurs auf Schriften für die Großkirche immer wichtiger. So wurde die diesen Büchern schon immer als Bestandteilen der Paradosis innewohnende Autorität zu einer Schriftautorität.

Aus: Karl-Heinz Ohling: Die theologische Begründung des neutestamentlichen Kanons in der alten Kirche. Patmos Verlag Düsseldorf, 1972






Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er (in den Himmel) aufgenommen wurde. Vorher hat er durch den Heiligen Geist den Aposteln, die er sich erwählt hatte, Anweisungen gegeben.

Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen.

Apg. 1,1-3